
D A M O K L E S
Projektskizze
für das Residencyprogramm des Dachstein-Museums Austriahütte 2026
GLETSCH|:ER:|INNERN
Heimo Ranzenbacher
Idee: Permanente, sinnlich zugängliche Dokumentation (= "Archivierung") der Archivierung eines Stücks Eis/Gletscherfragments durch ein Kühlsystem. Dessen Existenz ist durch die Lebensdauer seiner technischen Komponenten (ca. 10 Jahre +) begrenzt und jederzeit durch Stromausfall bedroht. Arbeitstitel: DAMOKLES. Sinnliche Zugänglichkeit wird durch Visualisierung und Sonifizierung basaler Prozesse erzielt.
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Grundsätzliches: Die dauerhafte Konservierung = Archivierung von Eis im Gefrierschrank beruht auf der kontinuierlichen Kompensation des Wärmeeintrags durch einen thermodynamischen Kreisprozess. Theoretisch ist dieser unbegrenzt aufrechtzuerhalten, praktisch jedoch von einer permanenten Stromversorgung, der Lebensdauer der Technik und von Wartung abhängig. Im Fall von DAMOKLES bliebe das System bewusst wartungsfrei.
Objektträger: ein handelsüblicher Haushaltsgefrierschrank. Haltbarkeit: 10 Jahre +; limitierender Faktor: mechanischer Verschleiß des Kompressors, schleichender Kältemittelverlust … Im Fall eines Systemversagens durch Stromausfall würde das Objekt den Moment des Versagens gleichsam "eingefroren" repräsentieren.
Mit Visualisierung und Sonifizierung verbindet sich die Absicht einer "Animation" des technischen Systems, d.h. seine Darstellung als ein "lebendiger Organismus" – wie ein Patient, den die Geräte, an denen er hängt, repräsentieren.
Mögliche Umsetzung: Für das System grundlegend sind die thermische Energieübertragung, der Kältekreislauf und die mechanische Aktivität des Kühlsystems. Visualisierung und Sonifizierung basieren auf Sensordaten: Beschleunigungs-, Kontakt- und Körperschallsensoren erfassen Strömungsgeräusche des Kältemittels sowie Vibrationen von Kompressor, Ventilen und Rohrleitungen; Temperatur-, Luftstrom- und Infrarotsensoren registrieren Wärmeeintrag und Wärmeabgabe.
Visualisierung: Die Daten könnten entweder
A) in Form eines an Patientenmonitoring erinnernden Überwachungssystems visualisiert oder
B) zur Generierung eines virtuellen Gebildes (Gletscher, Eiswürfel, abstrakte Formation …) genutzt werden.
Sonifikation: Für die Sonifizierung wäre denkbar, die Messdaten in Morsezeichen zu übersetzen, sodass der Zufall semantische Strukturen hervorbringt.
Der "Kühlschrank" ist gleichsam der Sockel der eigentlichen Damokles-Konstruktion, bestehend aus Gong und Mallet Head:
Damokles: Die Verwundbarkeit des Systems durch Energieverlust bildet ein "Frühwarnsystem" (resp. Endwarnsystem) ab: Ein einfacher Elektromagnet wird direkt über den normalen Stromkreis des Kühlschranks (12-V-Steckernetzteil) gespeist und hält ein Gewicht (vorzugsweise in Gestalt eines Schlägelkopfs (Mallet Head)) in der Schwebe. Fällt der Strom aus, bricht das Magnetfeld sofort zusammen, das Gewicht fällt herunter und erzeugt auf dem Gong einen lauten GONG.
Inszenierung: Vorstellbar ist das Objekt mit seinen sichtbaren und hörbaren Lebensäußerungen (gezielt beleuchtet) in einem ansonsten dunklen Raum. Ergänzend würde ich Interviews mit Menschen führen, die persönliche „Gletscher-Erinnerungen“ haben. Aus ihren Stimmen entstünde ein kaum verständliches, an der Hörschwelle oszillierendes Murmeln – eine akustische Erinnerungsschicht, die den technischen Klängen des Systems gegenübertritt und ihnen eine menschliche Form des Erinnerns entgegensetzt.
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Vorbehalt
Diese Ideenskizze versteht sich als Arbeitsentwurf. Insbesondere im Hinblick auf die Langzeitstabilität des elektronischen Systems bedarf sie einer weiteren technischen und konzeptionellen Präzisierung.
Als konzeptioneller Horizont zeichnet sich derzeit die noch vage (aber m.E. vielversprechende) Idee ab, das Projekt(im weitesten Sinne!) auf das Gedankenexperiment von Schrödingers Katze zu beziehen, was vor allem Anpassungen der technischen Komponenten erfordern würde – freilich ohne den grundlegenden formalen Aufbau zu verändern. Unabhängig davon bleibt die kontinuierliche Erfassung der Systemzustände konstitutiver Bestandteil der Arbeit.
Neben einem möglichen Stromausfall sollten auch weitere Ursachen eines Systemversagens erfasst und in die Visualisierung bzw. Sonifizierung einbezogen werden. Ebenso erscheint die Integration einer Pufferstromversorgung (Powerbank bzw. USV) sinnvoll. Sie verhindert, dass zufällige, kurzfristige Netzunterbrechungen das Projekt vorzeitig beenden, ohne die grundsätzliche Endlichkeit des Systems aufzuheben. (Der Gong der Damokles-Konstruktion markiert den unwiderruflichen Endpunkt dieses Prozesses – unabhängig davon, wodurch er ausgelöst wird. Er ist das akustische Zeichen dafür, dass die technische Möglichkeit des Erinnerns=Bewahrens erschöpft ist.)
Schließlich wird das Projekt voraussichtlich eine Anpassung des Finanzierungsmodells erfordern. Unabhängig von einer Residency beabsichtige ich daher, ergänzende Projektförderungen für die Realisierung einzuwerben.


